20.02.2021 Lichtpenner Ein befreundeter und sehr talentierter Kameramann ist seit Monaten obdachlos, weil seine Bude in der Hermannstraße abgebrannt ist. Wobei, obdachlos stimmt nicht ganz. Er findet obdach bei Freunden und Freundinnen. Aber sein Equipment und sein übrig gebliebener Hausrat ist an drei verschiedenen Orten in Berlin verteilt. Seit Monaten erfahre ich hin und wieder, wie er durch WG- Castings fällt. Aber ich kann mir nicht erklären, wieso. Es muss eine Pechsträhne sein: Ich kenne wenige so nette, umgängliche und zuverlässige Menschen. Gestern schrieb er mir von einer Idee, die er seit Monaten hat und die noch in dem Film landen soll, den wir vor Monaten zusammen gedreht haben: Einstellungen in U-Bahnhöfen -  mit einer der Hauptdarstellerinnen. Dabei will er verschiedene Einstellungen probieren, um die innere Zerrissenheit der Figur zu spiegeln. Die Idee fand ich sehr gut und er schlug vor, gemeinsam die U7 entlangzufahren. Dort gäbe es die besten U-Bahnstationen, das solle mir von einem Obdachlosen gesagt sein lassen. Trocken fügte er hinzu: „Ich bin nun ein Lichtpenner.” Auf meine Frage, was ein Lichtpenner sein soll, habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen. Ich habe es sogar minutenlang gegoogelt. PS: Wenn jemand das hier liest und ein Zimmer zu vergeben habt, die Mail ist unter dem Reiter „Kontakt”.   19.02.2021 Der Rover ist gelandet Gestern habe ich den ganzen Tag geschrieben. Gegen achtzehn Uhr packte mich  die Jazzwut und ich spielte Standards auf meiner Trompete (ohne Dämpfer,  richtig laut). Dann Abendessen: Stulle. Kurzfristig erfuhr ich von der  bevorstehenden Landung des Nasa-Rovers auf dem Mars. Also fläzte ich mich ins  Bett und verfolgte mit meinem Ipad den Livestream auf YouTube. Ich hatte eine  bedeutende und bildgewaltige Übertragung erwartet, aber es wurden nur  verpixelte Animationen gezeigt, während eine Moderatorin und wechselnde  Experten alle Details der Expedition in unvorstellbarerer Langsamkeit  ausbreiteten. Deutlich interessanter war dieser seltsame Chat, in dem laufend, in  Schwällen und endlos User-Kommentare gepostet wurden. Sie ratterten in einer  Seitenleiste von unten nach oben: „Wahrscheinlich landet die Rakete im Maul von  ein Riesenwurm” - „Aliens biitee aliens”  - „WANN LANDET DAS TEIL?” - „Die  würde ich gern mal knallen” - „AFD AFD AFD” usw. „Was für Idioten”, dachte ich  und musste immer wieder laut lachen. Irgendwann veränderte ich meine  Liegepostion und machte dabei eine  derart seltsame Bewegung, dass sich meine  Rückenmuskulatur verkampfte und ein Schmerz mir den Atem raubte. Ein  Hexenschuss? Ich simste einer Freundin. „Oh oh - Du wirst auch nicht jünger”,  schrieb sie. „Werd mal nicht frech hier”, antwortete ich gekränkt, und schickte ein  lachendes Emoji hinterher. Sie machte einen Haufen Vorschläge: Wärmflasche  und so weiter. In der Zwischenzeit war der Rover gelandet, aber sehen konnte  man immer noch nichts. Ich entschied mich, liegen zu bleiben. Der Schmerz  durchzuckte mich nur, wenn ich mich nach vorne bückte, nicht, wenn ich einfach  so da lag. Vielleicht, dachte ich, wird es weg sein, wenn ich jetzt einfach schlafe.  Am nächsten Morgen war der Schmerz immer noch da: Stechend zwischen den  Schulterblättern. Ich hatte irgendwann mal gelesen, dass es besser sei, sich zu  bewegen, um Rückenschmerzen zu bewältigen. Also machte ich erst nen Kaffee  und dann etwas Gymnastik. Und was soll ich sagen: Es wirkte! Also war’s wohl  nur eine kleine Verrenkung. Übrigens habe ich heute gelesen, dass bereits vier  US-Rover auf dem Mars herumbaldowern. Jetzt sind sie zu fünft. Damit haben sie  zumindest mehr soziale Kontakte als ich in den letzten drei Monaten.